Motorik und Kognition - Bericht über ein Forschungsprojekt im Kindergarten
An der Universität Konstanz arbeiten SportwissenschaftlerInnen an der so genannten CoMiK-Studie (Cognition and Motor activity in Kindergärten): Ihr Ziel ist ein Bewegungsförderungsprogramm zu entwickeln, mit dem die motorischen und besonders die kognitiven Fähigkeiten bei Kindergartenkindern, also bei Vier- bis Sechsjährigen, verbessert werden.
Obwohl die Auswertung noch nicht ganz abgeschlossen ist, sind Informationen zum Ablauf des Projektes, zu Reaktionen und ersten Erkenntnissen heute schon interessant.
Im Rahmen der CoMiK-Studie nehmen 170 Kinder aus drei Kindergärten in Konstanz an motorischen und kognitiven Testverfahren teil, unter anderem wird ein spezieller Konzentrationstest durchgeführt. Bei einem Eingangstest wurde der Status der Kinder festgestellt. Von September bis Dezember 2007 absolvierten 75 Kinder in sechs Gruppen täglich eine Stunde lang ein spezielles Bewegungsprogramm. Das Programm wurde von geschulten „Mentoren“, einem Team aus qualifizierten Sport- und Bewegungsfachkräften, durchgeführt. Kinder in Kontrollgruppen nahmen am „normalen“ Kindergartenalltag teil. Weitere Tests nach drei beziehungsweise sechs Monaten werden zeigen, wie sich die Bewegungserziehung ausgewirkt hat.

Die Eltern waren bei der Vorstellung des Projektes von der Idee, dass ihre Kinder in Sachen Bewegung gefördert werden sollen, durchweg begeistert. Dass Bewegung vielleicht den Lernerfolg der Kinder verbessern könnte, wollten allerdings manche Eltern nicht so recht glauben. So sorgte sich ein Elternteil, dass wegen des Bewegungsprogramms der Vorschulkurs „Zahlenland“, in dem die Kinder auf den Rechenunterricht in der Schule vorbereitet werden, zu kurz käme und ihr Kind dadurch benachteiligt würde. Eine Sorge, die sich bei einem positiven Ergebnis der Bewegungsförderung als völlig unbegründet herausstellen könnte!
Gleichgewicht und Konzentration
Mit ihrer Untersuchung hatten die SportwissenschaftlerInnen eine Forschungslücke aufgetan. Vorangegangene Studien hatten gezeigt, dass auf motorischer Seite die koordinativen Fähigkeiten eng mit den kognitiven Fähigkeiten verbunden zu sein scheinen. Kinder, die sich gut konzentrieren konnten, schnitten auch in motorischen Tests gut ab. Von den koordinativen Fähigkeiten wird vor allem das Gleichgewicht mit kognitiven Fähigkeiten wie dem Konzentrationsvermögen in Zusammenhang gebracht. Bisher kaum untersucht worden war jedoch, ob eine motorische Förderung nicht nur die Motorik verbessert, also das koordinative Vermögen, sondern auch die kognitiven Fähigkeiten – oder kurz gesagt: Werden Kinder, die motorisch gefördert werden, auch in kognitiver Hinsicht besser?
| Kognition ist die „allgemeine Bezeichnung für Prozesse und Produkte von Wahrnehmung, Erkennen, Denken, Schlussfolgern, Urteilen, Erinnern usw.“ (Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch. Berlin, New York 2002, S. 875), zum Beispiel auch Konzentration und Gedächtnis. Unter kognitiver Entwicklung versteht man „die Entwicklung all der Funktionen beim Kind, die zum Wahrnehmen eines Gegenstandes oder zum Wissen über ihn beitragen“ (Fremdwörter-Duden). Unter Motorik wird „die Gesamtheit aller Steuerungs- und Funktionsprozesse verstanden, die Haltung und Bewegung zugrunde liegen“ (Roland Singer, Klaus Bös: Motorische Entwicklung: Gegenstandsbereich und Entwicklungseinflüsse. In: Jürgen Bauer, Klaus Bös, Roland Singer (Hrsg.): Motorische Entwicklung. Schorndorf 1994, S. 15.). |
Besonderer Schwerpunkt des Projektes war die Schulung der Gleichgewichtsfähigkeit. Sie wurde – neben anderen koordinativen Fähigkeiten wie Differenzierungs-, Reaktions- und Rhythmisierungsfähigkeit – über zwölf Wochen spielerisch trainiert. Die Förderschwerpunkte pro Einheit wechselten, wie die grafische Darstellung zeigt.

Über die Woche verteilt wurden zwei Einheiten mit dem Schwerpunkt Gleichgewichtsfähigkeit und je eine Einheit mit den Schwerpunkten Rhythmisierungs-, Reaktions- und Differenzierungsfähigkeit, durchgeführt. Daneben wurden ganze „Bewegungsgeschichten“ angeboten, die nicht nur einen Schwerpunkt, sondern umfassend alle koordinativen Fähigkeiten fördern.
Ein wesentlicher Faktor der Übungen sind Dauer und Intensität. Es empfiehlt sich, die Bewegungserziehung mit weniger intensiven Übungen zu beginnen und im Laufe der Zeit die Intensität zu steigern. Wenn eine Stunde Bewegungszeit pro Tag im Kindergarten nicht realisierbar ist, gilt die Formel: besser kürzer üben, aber täglich. Wenig effektiv sind längere Übungseinheiten, die beispielsweise nur zweimal in der Woche durchgeführt werden.
Bewegung in den Kindergartenalltag integrieren
Die beteiligten SportwissenschaftlerInnen achteten bei der Auswahl der Übungen darauf, dass diese in nahezu jedem Kindergarten mit einfachsten Mitteln durchgeführt werden können. So reichen in der Regel ein normaler Bewegungsraum und alltägliche Materialien aus.
Die Kinder sind im Kindergarten einen bestimmten Rhythmus gewohnt. Deshalb ist es wichtig, dass auch die Bewegungsstunde in Rituale eingebettet wird und etwa mit einem Morgengruß oder einem Anfangskreis beginnt und mit einem Abschlusskreis zu Ende geht. Dadurch finden die Kinder ihren Rhythmus bei der Bewegungsstunde. Bei den Übungen können aktuelle Kindergartenthemen, wie etwa in der Adventszeit die Weihnachtsbäckerei, sehr gut aufgegriffen werden. So lässt sich diese Stunde in den Alltag der Einrichtung mühelos integrieren und wird von den Kindern – vor allem in der Einführungsphase – nicht als Fremdkörper in ihrer Kindergartenwelt empfunden. Auch sollte auf die Tageskondition oder den Gemütszustand einzelner Kinder Rücksicht genommen werden.
Bewegung macht Spaß
Variationen der Übungen sind für die Schulung koordinativer Fähigkeiten von großer Bedeutung. Sie sind aber auch notwendig, da die Altersspanne in den Übungsgruppen zwischen 3 ½ und fünf oder gar sechs Jahren liegt. Naturgemäß unterscheiden sich die motorischen Fähigkeiten der jüngeren und der älteren Kinder sehr stark voneinander. Um allen beteiligten Kindern gerecht zu werden, empfiehlt es sich, mit leichteren Übungen zu beginnen und anschließend den älteren Kindern schwierigere Abwandlungen anzubieten, indem etwa eine Übung auf einem Bein oder mit verbundenen Augen durchgeführt wird.
Altersgemischte Gruppen haben sich als durchaus günstig erwiesen; die jüngeren Kinder konnten von den Älteren lernen und diese die Jüngeren unterstützen.
Besonders wichtig bei alledem ist, den Kindern Spaß an der Bewegung zu vermitteln. Spaß ist die Voraussetzung dafür, dass eine nachhaltige Bewegungsförderung mit Kindern gelingt; denn nur Erwachsene treiben Sport aus gesundheitlichen Gründen.
Nach einer so genannten Follow-up-Untersuchung beginnt im März 2007 die Auswertung der CoMiK-Studie.

Sollte eine positive Auswirkung der Bewegungsförderung auf die kognitiven Fähigkeiten der Kinder festgestellt werden, erhalten die ErzieherInnen der an der Untersuchung beteiligten Kindergärten eine Fortbildung, die sie zur selbstständigen Durchführung des Bewegungsprogramms qualifiziert. Entschieden werden muss dann auch, ob und wie das Programm langfristig in der Kindergartenpraxis umgesetzt wird.
Die Ergebnisse der Studie müssen natürlich abgewartet werden – doch die ErzieherInnen der beteiligten Kindergärten konnten bereits ein erstes Resümee ziehen. Die Leiterin eines Kindergartens und ihre KollegInnen haben beobachtet, dass die meisten Kinder gern an der dreimonatigen Bewegungsförderung teilgenommen haben. Die ErzieherInnen stellten fest, dass es den Kindern gut tat, am Morgen ihrem Bewegungsdrang nachgeben zu können. „Anschließend waren sie sehr viel ruhiger als sonst und man konnte sehr viel mit ihnen machen“, erzählt Regina Graf-Martin, Leiterin eines beteiligten Kindergartens. Die ErzieherInnen waren auch erfreut über die vielen neuen Bewegungsideen, die sie im Laufe des Projektes kennen lernen konnten.
Julia Everke
Universität Konstanz, Sportwissenschaft
Ungekürzte Texte zur CoMiK-Studie mit Anmerkungen und Literatur
Die praktische Umsetzung der CoMiK-Studie – Aufbau der Intervention (PDF) >>